Sich im Export auf unbeschrittene Wege zu begeben, erfordert Mut, KnowHow und den Glauben an das eigene Potential. Japans Holzhäuser stellten die österreichischen Sägewerker nicht nur vor holzige, sondern auch vor kulturelle und kulinarische Herausforderungen.
Dass die Sache gar so kompliziert werden könnte, hatte sich eigentlich niemand gedacht. Und dass sie schließlich so erfolgreich sein würde, wohl erst recht niemand. Und so lassen sich heute, gut zehn Jahre nachdem alles angefangen hat, aus dieser Episode des österreichischen Exporthandels ein paar brauchbare Lehren ziehen.
Doch erst die Vorgeschichte: Japan ist der Welt größter Holzimporteur. Der weltgrößte Holzlagerplatz liegt folgerichtig im Hafen von Tokio. Noch immer werden gut 60 Prozent aller japanischen Häuser aus Holz gefertigt. Die Bauweise ist seit Jahrhunderten unverändert und bewährt sich sogar bei stärkeren Erdbeben. Unkompliziert ist der Bau eines solchen Gebäudes allerdings nicht: Man benötigt eine stattliche Anzahl strikt normierter Holzbauteile. Dass diese außerhalb Japans im regulären Handel nicht zu haben sind, ist weiter nicht überraschend – nirgendwo sonst werden Häuser so gebaut. Daraus folgt aber, dass die Herstellung solcher Teile in einem Sägewerk einen ungewöhnlich hohen Grad an Spezialisierung verlangt. Womit wir unmittelbar bei Lehre Nummer 1 wären: Reisen bildet!
Und so machte sich eine Gruppe österreichischer Sägewerksbesitzer Anfang der 90er Jahre auf den langen Weg nach Japan, um die bis dahin völlig unerforschten Chancen des Schnittholzexports vor Ort zu erkunden. Die Fahrt hatte die Außenhandelsstelle Tokio organisiert. Zu einem nachhaltigen Erfolg wurde sie erst durch die Initiative, die Weitsicht und das Engagement einiger Unternehmer, die das Neue als Chance begriffen. (Und daher mit erstaunlich virtuoser Stäbchentechnik auch die legendären und potentiell tödlich giftigen Kugelfische zum Munde führten, die ihnen von den Gastgebern als Zeichen besonderer Wertschätzung serviert wurden.) Daraus folgt unmittelbar Lehre Nummer 2: Das Unmögliche möglich machen!
Unmöglich – mit diesem Wort hätten die Teilnehmer der Sägewerker-Reise fast jede Anfrage der japanischen Holzeinkäufer abschmettern können: Bei jedem Termin, bei jeder Werksbesichtigung schien das potentielle Geschäft noch komplizierter zu werden. Jedes Holzmaß, das von den japanischen Kunden angefragt wurde, war in Österreich unbekannt. Ob Stärke, Breite oder Länge – keine Spezifikation entsprach den bis dahin von den Österreichern zugeschnittenen Hölzern. Obendrein forderten die japanischen Partner Qualitäten weit über und Ausschussanteile weit unter den in Österreich handelsüblichen. Was da nach und nach verlangt wurde, schien anfangs kaum realisierbar zu sein. Doch gleich nach ihrer Rückkehr begannen einige Sägewerker an ihren Maschinen zu drehen und Testschnitte anzufertigen. Ein Jahr lang ärgerten sie sich über Komplikationen und zusätzliche Kosten. Ein Jahr lang arbeiteten sie an der Qualität ihrer Hölzer und der Umstellung ihrer Maschinen. Doch schließlich waren ihre Produkte zertifiziert und entsprachen den einst lästig scheinenden Ansprüchen der Japaner. Das Unmögliche war also möglich geworden. Zudem hatte man für die in unüblichen Größen anfallenden Schnittreste auch noch Verwendung und Absatzmöglichkeiten gefunden.
Und heute? Jahr für Jahr schicken österreichische Exporteure 200 Millionen Kubikmeter Schnittholz auf die Reise nach Japan. Österreich ist damit unter den Holzexporteuren auf den neunten Weltrang vorgerückt. Umgekehrt ist Japan heute der drittwichtigste Exportmarkt für Österreichs Sägewerke. Und der Verzehr von Kugelfisch gehört inzwischen zur Folklore der Japan-Fahrer: Noch jeder Sägewerker hat die Sache gut überstanden; und jeder erzählt bis heute gerne davon.
Bleibt abschließend Lehre Nummer 3: Aus Schaden wird man klug; günstiger ist es, sich vorher schlau zu machen. Einer der Sägewerker hatte in Japan einen Kontakt geknüpft, aus dem sich Jahre später für seinen Sohn, der ein international erfolgreiches Planungsbüro betrieb, ein Geschäft ergeben sollte: Der Japaner vermittelte die Anfrage eines taiwanesischen Geschäftspartners, in Taiwan ein umfangreiches Bauprojekt zu planen. Der österreichische Architekt einigte sich nach langen Vertragsverhandlungen mit seinem neuen Kunden. In der vereinbarten Frist erbrachte er alle Planungsleistungen; der Taiwanese war hoch zufrieden und kündigte die Überweisung an. Doch siehe da: Auf dem Wiener Konto gingen nur 80 Prozent des offenen Betrages ein. Auf Nachfrage beharrte der Kunde darauf, die gesamte Summe überwiesen zu haben. Übersehen hatten beide Seiten allerdings, dass Taiwan von Dienstleistern im Ausland eine 20 prozentige Quellensteuer („withholding tax) verlangt. Und die hatte die Hausbank des taiwanesischen Kunden – ohne weitere Notiz, aber doch ordnungsgemäß, einbehalten.